Edith Kramer


Künstlerin,
Theoretikerin
& Praktikerin
der
Kunsttherapie


Literatur (de)

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Heut' ist die Kunst so ein Kretzl... - Ein Gespräch mit der Künstlerin und Kunstherapeutin Edith Kramer am 8. Mai 2001 in ihrem Atelier in NYC.

Edith Kramer, geboren 1916 in Wien, lebt seit ihrer Emigration 1938 in New York. Jedes Jahr kehrt sie im Sommer nach Grundlsee im Ausseerland zurück, wo sie schon als Jugendliche ihre Sommerfrische mit ihrer Mutter, Josefine Neumann im Haus ihrer Tante, der Schauspielerin Elisabeth Neumann und deren Mann Siegfried Bernfeld im Kreis von Intellektuellen, Künstlern, Wissenschaftlern, Schauspielern, Politikern, Journalisten verbringt, die das avantgardistische, jugendbewegte, sozialutopisch linksfreudianische Milieu des Wiens der Zwischenkriegszeit repräsentieren.

Unter ihnen sind Annie und Wilhelm Reich, Otto Fenichel, Willy Hoffer, Hedwig Schaxel (Hoffer), Edith Buxbaum, Bertl und Steff Bornstein, Hans Heller, Karl Frank, Anny Katan, Hanns Sachs, Hans Lampl und Jeanne Lampl de Groot, Emma Plank, Ella Spelitz, Hedy Schwarz, Clara Happel, Rudi Serkin, Josi und Fredi Mayer und Christine Olden.

Sie nimmt Kunstunterricht bei Trude Hammerschlag und später bei Fritz Wotruba in Wien und Friedl Dicker in Prag, über die sie indirekt mit der Bauhausbewegung (die Wiener Gruppe um Johannes Itten) in Berührung kommt.

1935 beginnt sie eine insgesamt fünfjährige Psychoanalyse bei Annie Reich, die sie in der Emigration fortsetzt.

In New York arbeitet sie von in den ersten drei Jahren als Handwerkslehrerin. Von 1943 - 1945 als Maschinistin in der 'Defense Industry' im Rahmen des 'War Effort'. In den 50er Jahren beginnt sie mit dem Aufbau eines Kunsttherapieprogramms an der Wiltwyck School for Boys, einem Erziehungsheim für psychisch gestörte Kinder aus den Slums.

1958 veröffentlicht sie ihr erstes Buch über Kunsttherapie 'Art Therapy in a Children's Community' mit dem sie schlagartig zu einer bedeutenden Theoretikerin der amerikanischen Kunstherapie wird.

1959 beginnen an der 'Emigrationsuniversität' der New School for Social Research in NYC ihre Kurse über Kunsttherapie, die sie bis 1973 abhält.

1971 veröffentlicht sie 'Art Therapy with Children', das als Standardwerk in der Ausbildung von Kunsttherapeuten gilt.

1975 entwickelt sie gemeinsam mit Laurie Wilson das 'Graduate Art Therapy Training' an der NYU (New York University).

Anlässlich ihres 80. Geburtstags wurde sie in Wien mit einer Ausstellung in der Oesterreichischen Nationalbibliothek, die von einem Symposion begleitet wurde, geehrt. Im Rahmen des Weltkongresses für Psychotherapie wurde ihr 1996 das Silberne Ehrenkreuz der Stadt Wien verliehen.


Interview

Frau Kramer, arbeiten sie noch therapeutisch mit Kindern?

Nein, das mach' ich nicht mehr. Ich seh ein paar meiner früheren Studenten (Kinder) noch, die jetzt erwachsene Menschen sind. Der eine, Frank, der kommt manchmal noch nach NY, und der eine, Christopher, der Blinde kommt auch manchmal nach NY. Der faehrt jetzt herum als Pentacost Prediger, mit seinem Freund der chauffiert, der also sieht. Pentacost ist eine sehr fundamentale Religion, ich glaub' es heisst Pfingst-Religion (Pfingst-Charismatische Bewegung, A.d.V.) auf deutsch. Die glauben wortwörtlich die Bibel. Sehr rigide. Da predigt er, ist er Prediger geworden und fährt in ganz Amerika herum und predigt und lebt davon. Er ruft immer von Zeit zu Zeit an, wenn er in New Jersey oder New York vorbeikommt, dann kommt er mich besuchen. Mit dem hab ich noch Kontakt. Ein grosser schwerer, schwarzer Prinz geworden. Ich kenne ihn seit er zwölf Jahre alt war. Der andere, der glaubte, dass er Superman ist, war dann in der Navy, der ist jetzt schon pensioniert, weil er sehr früh rein gekommen ist, und malt jetzt mehr, oder malt immer noch und ist ein sehr interessanter Kerl geworden, ein anständiger Mensch geworden.

Ihre Erinnerungen an Österreich sind nicht so schlecht, dass Sie nicht zurückgehen würden?

Schaun' Sie. Da in Grundlsee, wo wir das Haus haben, da kennt man jeden, da weiss man genau, wer ein Nazi war und wer nicht. Ausserdem, sind ja die meisten schon tot. Man kann doch nicht die Kinder und Kindeskinder damit belasten. Sie können ja nichts dafür.

Haben Sie das später noch gespürt, wenn Sie zurückgekommen sind? Wann sind Sie das erste Mal wieder zurückgegangen?

Ich war zum ersten Mal in Europa 1947/48. Da bin ich nur ganz kurz nach Grundlsee gekommen, sonst war ich in Frankreich, die ganze Zeit. Und dann erst, ich bin dann erst nicht so oft nach Österreich gekommen. Auch weil's zu teuer ist. Wie ich mehr Geld gehabt hab' und meine Tante Liesl älter geworden ist, die Schauspielerin war, mit dem Berthold Viertel, der Regisseur war, die sind, sowie es möglich war, zurück in die deutschsprachige Gegend, weil sie da viel mehr beruflich tun konnten. Sie hat das Haus in Grundlsee, das hab ich jetzt geerbt, sie ist vor vier Jahren gestorben. Also jetzt hab ich da ein Haus. Aber ich meine, am Land, weiss man wer, was... Ich meine unsere Nachbarn waren Sozialdemokraten. Es war eigentlich sehr klar geteilt. Die Bauern, die waren schwarz, und die Holzarbeiter waren rot. Unsere nächsten Nachbarn. Und mein Gott jetzt ist das alles... man kann das nicht so weitertreiben, nicht?!

Sie sind - nach dem Anschluss - zuerst in die Tschechoslowakei gegangen?

Ich bin nach dem Anschluss aus der T. emigriert. Ich hatte ein Glück, dass ich ein Affidavit gekriegt hab' nach Amerika. Dadurch bin ich dem allen ausgewichen. Da hab ich grosses Glück gehabt, sonst wär ich nicht mehr auf der Welt, wahrscheinlich. Meine Lehrerin Friedl Dicker, die ist in der Tschechoslowakei geblieben und nach Theresienstadt deportiert worden. Ihr Mann hat überlebt und sie ist umgekommen in Auschwitz.

Aber es gibt keine Spuren? Oder weiss man das. Ist das belegt?

Ganz genau weiss man das. Ich weiss sogar das genaue Datum. Sie hat ja mit den Kindern gearbeitet in Theresienstadt.

Sie ist bei den Kindern geblieben. Sie hätte die Möglichkeit gehabt, nach Palästina zu emigrieren?

Ja, sie wollte sich nicht von ihrem Mann trennen. Sie waren beide in Theresienstadt gewesen. Er war eigentlich ein Buchhalter gewesen, aber hat als Tischler gearbeitet, und als Tischler haben sie ihn offenbar in Auschwitz brauchen können. Das war einer der letzten Transporte. Er hat überlebt und sie ist umgekommen. Da kann man nichts dafür. Da kann man keinem einen Vorwurf machen. Er hat dann wieder geheiratet. Er hatte auch Kinder. Er ist jetzt auch schon lange tot. Es ist erschütternd, was da an kulturellem Leben [...] (zerstört wurde). Das waren die prominentesten Juden, die nach Theresienstadt gekommen sind. Das war ja ein Showcase, ein Potemkin'sches Dorf. Das hab ich hier (anlässlich eines Vortrags) gesagt... Potemkin Village... Gott sei Dank war ein Schweizer dabei, der hat das denen übersetzt, weil die Amerikaner offenbar gar nicht wissen, was das ist. Für uns ist das klar, jeder versteht Potemkin Village, aber hier weiss man nichts über Katharina die Grosse.

Sie haben mit Friedl Dicker Brandeis in Wien und in der Tschechoslowakei gearbeitet. Sie waren ihre Schülerin. Und später auch befreundet mit ihr.

Aber ich meine, ich war ja viel jünger. Sie hat mich sozusagen entdeckt. Sie hat meine Zeichnungen gesehen, dann Franz Singer, ein Freund von ihr, ein Architekt.

Sie haben noch regen Kontakt nach Österreich?

Oh ja, schaun' sie, meine Nachbarn in Grundlsee, die kenn ich (die meisten) von der Geburt her. Ich war da das erste Mal als ich acht Jahre alt war, vor dem Krieg, und nach dem Krieg wieder, und solange die Liesl gelebt hat, bin ich jedes Jahr gekommen. Und jetzt komm ich auch noch jedes Jahr und geh' dann auf die Alm.


(Auszug)

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