Globalisierung und Digitalisierung
Das Folgende ist der Versuch einer Darstellung der
Globalisierung als Motor eines Prozesses globaler Bewusstwerdung. Dies im Sinne
der Möglichkeit des Entstehens und der Verwirklichung dessen, was Teilhard de
Chardin als die Bildung der Noosphäre der Erde - 1945 bereits an anderer Stelle
('Die Zukunft des Menschen' - Walter-Verlag, S. 167 ff.) auch als
'planetisation' - durch die Bewusstseinstätigkeit des Menschen bezeichnet hat,
und James Lovelock in seiner Gaia-Hypothese als organismisches Konzept aller Lebensprozeße
des Planeten formulierte. Arnold Mindell arbeitet mit dem prozessual
psychotherapeutisch beeinflußbaren 'Traumkörper' der Erde und Hoffmeyer (1995)
hat in stringenter Form die biologischen Systeme des Planeten als 'Semiosphere'
beschrieben.
Alle diese Denkansätze, ob sie theologisch-teleologischer,
systemtheoretisch-ökologischer, psychologisch-therapeutischer oder
semiotisch-kybernetischer Natur sind, weisen auf eine Denk- und
Interpretationsmöglichkeit planetarer menschlicher Existenz hin, die von
Salvador Dalì im Jahre 1943 in dem Bild 'L'enfant géoplitique observant la
naissance de l'homme nouveau' dargestellt wurde.
Der geopolitische Aspekt dieser Geburt ist insofern ein
wesentlicher, als es sich hier nicht um Phantasien eines esoterischen
Eskapismus handeln kann, sondern um dialektische Prozesse, die dem Menschen
zwar das Vermögen zur Selbstgebärung im Sinne Jung'scher Individuation
zusprechen wollen, diesen Prozess der Individuation aber eben nicht auf die
individuelle Existenz beschränken, sondern den Menschen als Gesellschaftswesen
auch in die Dialektik seiner realhistorischen Bedingtheiten gestellt sehen,
deren Akzeptanz - im Sinne einer Integration in politische Lösungsansätze -
unabdingbare Voraussetzung für das Verständnis einer global manifesten und nur
global zu bewältigenden Krisis darstellt. Individuation auf gesellschaftlicher
Ebene bedeutet daher nichts anderes als die Aufhebung der Entfremdung im
klassisch hegelianisch-marxistischen Sinne.
Das Suche nach einem Verständnis von Globalisierung kann sich
nicht auf ihre ökonomischen und kommunikationstechnischen Ausprägungen
beschränken, deren Vor- und Nachteile notorisch Gegenstand heftiger
Kontroversen sind, sondern muß die Möglichkeit der Entwicklung eines
transglobal akzeptablen Kulturbegriffs ins Auge fassen, der die breit gestreut
existierenden Auffassungen von Kultur nicht unter eine monokulturelle Dominanz
westlicher Konzepte stellt, sondern, wie Andreas Huyssen formuliert, die
Anerkennung der Notwendigkeit bedeutet ".... den Zusammenstoß
verschiedener Kulturen anders verlaufen zu lassen als durch den Schock von
Herrschaft und Eroberung." Denn, so Huyssen weiter ".... die
stärksten Differenzen der Modernität und Postmodernität entstehen aus der
veränderten Beziehung der westlichen Gesellschaften zu jenen der sogenannten
Dritten Welt, d.h. die Kritik am eurozentrischen Charakter des internationalen
Stils." Wir sprechen also von der Möglichkeit und Notwendigkeit der
Entwicklung transkultureller Denkmodelle, auch oder vor allem im Sinne einer
Pluralität von Wirklichkeitsauffassungen.
Diese oben formulierte Herausforderung koinzidiert mit einer
historischen Situation des Westens, in welcher seine eigenen Fundamente in
Gestalt der christlich-abendländischen Weltanschauung und ihrer säkularisierten
Formen dessen, was man als 'modernes Bewußtsein' bezeichnen kann, nicht erst
seit der Proklamation einer Postmoderne in definitiver Auflösung begriffen
sind.
Mit dem Titel 'modernes Bewußtsein' sollen die besonderen
geistigen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen bedacht
werden, die im abendländischen Kulturkreis seit dem Ausgang des Mittelalters
stattgefunden haben. Dabei beschränken wir uns notgedrungen auf zentrale
Momente im Selbstverständnis dieser Kultur.
Diese Momente erkennen wir in folgenden miteinander
verflochtenen Phänomenen:
1) Die Herausbildung einer linearen Geschichtskonzeption,
welche die Grundlage für die Idee eines Fortschreitens in der Geschichte
bildet.
2) Das veränderte Verhältnis zur Natur- und Weltwirklichkeit
und der daraus resultierende Versuch ihrer Beherrschung durch rationale, d.h.
technische Kontrolle.
3) Die Konstitution des menschlichen Ich als immanentes,
autonomes Subjekt, welches, vor allem in Gestalt des politisch und ökonomisch
befreiten Bürgertums zum Träger der oben genannten Entwicklungen wird.
Die Eigenart dieser Entwicklungen wird deutlich an der Frage
Edmund Husserls, "ob das europäische Menschentum eine absolute Idee in
sich trägt und nicht bloss empirischer anthropologischer Typus ist wie 'China'
oder 'Indien'; und wieder, ob das Schauspiel der Europäisierung aller fremden
Menschheiten in sich das Walten eines absoluten Sinnes bekundet, zum Sinn der
Welt gehörig und nicht zu einem historischen Unsinn derselben."
Die geistige Situation des Westens ist also nicht nur durch
den Verlust tragender Gewissheiten bestimmt, sondern ist gleichzeitig geprägt
vom Eintritt in das Forum 'außereuropäischer' Kulturkreise, denen nun nicht
mehr wie ehedem mit imperialer Arroganz begegnet werden kann, sondern nur mehr
in der Haltung 'dialogischer' Offenheit, egal ob die Notwendigkeit zu dieser
Offenheit aus einer wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Motivation
generiert wird.
Ohne die realpolitischen Tatsächlichkeiten außer acht lassen
zu wollen, soll im folgenden doch der Versuch gemacht werden, einen möglichen
Rahmen für diesen Dialog zu skizzieren, in dem, wie sich zeigen wird, die
Stimme des Westens im Chor der anderen Kulturen weder dominieren noch
untergehen muß.
Vortrag (Auszug) - gehalten beim Brucknersymposium 2000 im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes,
Linz/Austria 20. - 24. September 2000
publiziert in: Bruckner-Symposion, Kreativität und
Gesellschaft. Die materielle und soziale Situation des Künstlers - Bericht.
Herausgegeben von Theophil Antonicek, Andrea Harrandt, Erich Wolfgang Partsch.
Anton Bruckner Institut Linz - 2004
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